„Ich hatte keine Lust mehr im goldenen Käfig zu sitzen“ | Interview mit Aussteigerin Bella Bauchspieß

Hier im Surfcamp in Portugal, in dem ich zur Zeit arbeite, gehen spannende und interessante Personen ein und aus. Viele haben aufregende Geschichten zu erzählen und berichten von ihren Abenteuern, von guten und schlechten Momenten im Leben und von Erfahrungen die sie gemacht haben.

Mich faszinieren vor allem die Leute, die in ihrer Laufbahn plötzlich merkten, dass sie nicht glücklich oder zufrieden sind mit dem was sie machen, dann ihre Sicherheit aufgeben, alle Mauern einreißen und ein neues Leben anfangen.

Mit einer von diesen Personen arbeite ich nun seit über einem Monat zusammen. Meine Kollegin Bella. Ich habe jedes Mal, wenn sie ihre Story erzählt großen Respekt vor ihrer Entscheidung und dem Mut es durchzuziehen.

Was genau sie erlebt hat und wie es zu all dem gekommen ist, könnt ihr hier und jetzt in unserem Interview lesen:

Moin Bella, bist du gerade glücklich?

Ohja, sehr! Ich habe ein Nutellabrot in der Hand und die Sonne scheint.

Magst du dich einmal für alle lieben Leser vorstellen? Wer bist du, was machst du gerade und wo kommst du her?

Ich bin Bella im Glück und ich lebe meinen Traum. Ich komme ursprünglich aus Untergneus. Hab dann, wie alt war ich? … ähm als ich 22 war und meinen Job sicher hatte, noch 9 Jahre in Jena gelebt.

Zur Zeit lebe ich mein Traum, reise und bin glücklich und versuche glücklich zu machen. Und nebenbei arbeite ich ganz aktuell im Surfcamp.

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Du hast nach dem Abi eine Ausbildung zur Immobilienkauffrau gemacht, wurdest vom Unternehmen übernommen und hast dann noch 10 Jahre lang dort gearbeitet. Der Job hat dir Spaß gemacht und Geld und Sicherheit garantiert. Du hattest eine eigene Wohnung und einen festen Freundeskreis. Warum gibt man so etwas auf?

Ich war 2014 das erste Mal hier im Surfcamp und habe Kathi kennengelernt. Die hatte ein halbes Jahr arbeitsfrei und ist mit ihrem alten VW Bus durch Europa getourt. Und da dacht ich mir: Das will ich auch! Naja und es hatte sich halt auch zu Hause ein bisschen was verändert. Viele Freunde haben geheiratet, Kinder bekommen und Häuser gekauft oder gebaut. Keiner ist mehr mit feiern gekommen. Und ich gaube ich war einfach noch nicht bereit erwachsen zu sein. Und bin es auch jetzt noch nicht. Und dann war’s halt auch so:

“Wenn nicht jetzt, wann dann?”

Alle sagen immer, dass es wichtig ist einen guten Job zu haben. Wenn nicht sogar das Wichtigste. Aber man sitzt halt schon irgendwie im golden Käfig. Es ist einfach das, was die Gesellschaft von einem erwartet. In Deutschland vergisst man schnell, dass es viel wichtiger ist, das zu tun, was einen glücklich macht und was man selber will. Aber niemand will letztendlich seine Sicherheit für das Glück riskieren und dafür Verantwortung übernehmen.

Ich wär auch fast in die Falle getappt. Als ich meinen Chef damals nach einem Jahr Pause gefragt und er es abgelehnt hat, habe ich auch erstmal okay gesagt, habe gespurt und ihm somit die Verantwortung über mein Leben in die Hand gegeben. Was ja Quatsch ist.

Was ich auch spannned finde: Ich war auf vielen Konzerten und jede Band singt Lieder über’s frei sein, das Leben zu genießen und sein Ding zu machen. Und alle grölen mit, ohne auf ihr eigenes Leben zu gucken und zu überlegen: Wie ist es bei mir eigentlich? Lebe ich überhaupt nach diesen Werten? Bei den meisten ist das leider nicht der Fall.

Mit deinem VW Bus tourst du jetzt schon seit über einem Jahr durch die Welt. Wieso hast du dich nach deinem “Ausstieg” ausgerechnet für’s Reisen entschieden?

Ich habe über die Jahre Geld angesparrt und überlegt was ich damit machen sollte. Ich hatte eigentlich alles was ich brauche und möchte, außer eben Zeit. Ich habe auch über einen Hauskauf nachgedacht, aber das hat zu dem Zeitpunkt einfach nicht gepasst. Ich wollte Abenteuer erleben und die Welt sehen, die Verantwortung für mein Glück selbst in die Hand nehmen und habe dann meinen Job gekündigt.

In unserer Zeit steht einem die Welt offen. Also warum nicht reisen? Es ist ja ein Luxus einfach loszufahren und zu gucken wo es einem gefällt. Andere Generationen hatten diese Möglichkeiten nicht.

Und ich finde in nem Auto ist man freier, als wenn man zum Beispiel von Hostel zu Hostel zieht. Man sieht ganz andere Ecken, ist nicht auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen und kann unabhängig von allem entscheiden, wo es hingehen soll.

Es ist einfach ein Traum: Man wacht am Strand auf, von der Sonne geweckt und hat das Meeresrauschen in den Ohren.

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Wie haben deine Eltern, Freunde und Verwandte darauf reagiert, dass du alles stehen und liegen lassen willst um zu reisen?

Mh ähm, fangen wir mal mit den Freunden an. Die meisten fanden es gut und haben mich da auch bestärkt. Es gab nur einen Freund der das nicht unterstützt hat, weil er eben mehr der Sicherheits-Typ ist. Den Job und die Wohnung aufgeben, quasi obdachslos sein, fand er gar nicht gut.

Die Verwandtschaft hat eigentlich recht entspannt darauf reagiert. Ok, meine Oma konnte sich das nicht so richtig vorstellen, so allein im Bus. Verständlich. Andere Generationen hatten wie gesagt, nicht diese Möglichkeiten. Aber außer ihr fanden das alle in Ordnung.

Ja und meinen Eltern hab ich es als letztes gesagt, weil ich genau wusste, dass sie es nicht verstehen würden. Und da war dann auch erst mal Krise. Es wurde dann totgeschwiegen. Aber mein Vater war dann tatsächlich auch mal mit zum Bus angucken und aussuchen. Er hat sich langsam an den Gedanken gewöhnt und war da wesentlich entspannter als meine Mutter. Er hat sogar gesagt dass er stolz darauf ist. Allerdings auch erst nach einiger Zeit, als ich schon ein wenig unterwegs war.

Meine Mutter will sich einfach keine Sorgen um mich machen müssen, deshalb möchte sie, dass ich das Standart-Leben führe: mit Haus, Kind, Mann… Klar kann ich das nachvollziehen. Ich habe zwar selber keine Kinder, sonst würde ich das vielleicht auch nochmal anders sehen, aber ein wenig verstehen kann ich sie natürlich schon.

Ich war trotzdem immer ein bisschen enttäuscht. Ich bin evangelisch erzogen worden und habe dann gefragt, warum sie soviel Angst und Misstrauen haben gegenüber meiner Entscheidung, weil gerade als Christ weiß man doch, dass Gott immer auf einen aufpasst und am Ende alles gut wird. Aber das Argument hat nicht gewirkt.

Hattest du vorher oder auch wärenddessen Zweifel, ob das alles so schlau ist und die richtige Entscheidung war?

Also vorher, durch den Freundeskreis, der das alles sehr gut fand und so sehr unterstützt hat, hatte ich nie Bedenken.

Aber ich hatte an einem Abend diesen Jahres, als ich schon länger am reisen war, das erste Mal wirklich Zweifel, weil ich am nächtsen Tag nach Nicaragua geflogen bin. Alleine. In ein Land das man so gar nicht kennt. Und das auswärtige Amt und das Internet sagen ja auch nicht so viel Gutes über Mittelamerika, da hatte ich schon Zweifel. Und dann auch noch als Frau.

Aber als ich dann dort angekommen bin, wusste ich, das ist genau das Richtige.

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Was würdest du den Leuten raten, die gerade an einem ähnlich Punkt im Leben stehen, wie du damals? Unglücklich und unzufrieden mit ihrer aktuellen Job-und/oder Lebenssituation.

Ändert was! Weil es macht kein anderer für euch!

Ich finde man muss sich erstmal darüber bewusst werden, was man will. Kein 20 Jahres Plan, sondern: Was kann mich glücklich machen? Worüber freue ich mich im Leben? Und dann darauf hinarbeiten. Für den einen ist es Reisen. Für den anderen den Bürojob für ein Handwerk aufgeben. Aber wenn man unglücklich ist muss man daran arbeiten, dass es anders wird!

Klar fällt es auch schwer mit konstanten Bestandteilen im Leben abzuschließen, ich habe viele Freunde in der Heimat zurückgelassen und Sportvereine aufgegeben, aber da ich mich eben auf das gefreut habe, was danach kommt, war es auch schon wieder nur halb so schwer.

Wenn du zurück auf dein bisheriges Leben blickst: Bereust du etwas was du getan (oder auch nicht gatan hast) und hättest du gerne etwas anders gemacht?

Nee ich bereue nichts! Und ich finde sowas immer komisch, wenn Leute sagen: Oh ich hätte das und das gerne anders gemacht. Aber dieser Gedankengang ist pure Zeitverschwendung. Du kannst es jetzt nicht mehr ändern. Klar, man sollte niemals seine Vergangenheit vergessen, sondern sie immer im Auge behalten und gucken was man daraus mit in die Zukunft nehmen kann. Rumjammern ist sinnlos.

Was hast du als nächstes vor? Planst du jemals wieder einen festen Platz in der Gesellschaft einzunehmen und ein „Standart-Leben“ zu führen?

Also planen: nein! Es gibt definitiv keinen festen Plan. Aber: Ich finde es schon sehr schön sich irgendwo zu Hause zu fühlen und dafür gehört für mich auch ein richtig festes zu Hause und nicht eines auf Rädern. Und einen Mann natürlich. Aber wo, wann und wie das alles sein wird… Keine Ahnung.

Erstmal bin ich noch ein bisschen unterwegs, guck mir alles an und erleb noch ein paar Abenteuer. Vielleicht bleib ich auch irgendwo hängen. Ich mach einfach das worauf ich Lust habe. Der Wind treibt mich weiter.

Ich habe unterwegs einen Freund kennengelernt, der immer sagt:

“Das Leben bleibt spannend!”

Ich danke dir ganz herzlich, dass du deine Geschichte geteilt hast und wünsche dir noch ganz viel Spaß, Glück und schöne Momente auf deinen Reisen!

Wer mehr über Bella und ihre Abenteuer lesen möchte, kann auf ihrem Blog vorbeischauen: Bella im Glück

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